InitiativeTabu Suizid e.V. - Düsseldorf
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Dort blieb er zwei Wochen und wurde dann auf die offene Station mit Schwerpunkt Depression verlegt. Weitere 4 Monate später galt er als „nicht mehr gefährdet“ und durfte nach Hause kommen. Er wurde nur noch ambulant mit Medikamenten versorgt und konnte an einer wöchentlichen Gesprächsgruppe – der Depri-Gruppe teilnehmen.

 

Unsere Tochter wurde geboren und für mich fügte sich alles. Mutter zu sein, war und ist gar nicht so schwer. Nein, es ist schön Liebe zu geben; es ist schön jemanden zu versorgen. Mein Finch Hatton baute jedoch eine große Kluft zu uns auf. Unsere Tochter war „das Ding“, das eh nichts kann. Sein Verhalten ihr gegenüber schwankte zwischen Aggression und Fürsorge. Einmal erwischte ich ihn, wie er ihr eine Kopfnuss verpasste, damit sie aufhörte zu quengeln. Ein anderes Mal trat er gegen den Kinderwagen, weil ihm die Prozedur des Kindeinpackens gegen Kälte sowie Windeln und Fläschchen verstauen zu lange dauerte. Als ich ihn zur Rede stellte, leugnete er nur.

 

Ich wurde nicht mehr geküsst, noch umarmt, noch fand eine Unterhaltung statt. Wenn ich versuchte, das Gespräch auf seine Gefühle oder Stimmung zu lenken, brach er ab. Ich war ihm zu neugierig. Dann habe ich das Gespräch abgebrochen und ihn gebeten, sich von einem Therapeuten helfen zu lassen, sonst müsste er ausziehen. Es blieb bei zwei halbherzigen Versuchen die schwierige Suche nach einem Psychotherapeuten in Angriff zu nehmen. Ihm genügte die Depri-Gruppe und die verabreichten Psychopharmaka.

 

Im Frühjahr 2010 wurde er geschieden. Er musste nach neuem Scheidungsrecht gar keinen Unterhalt an seine Exfrau zahlen. Der Kindesunterhalt wurde berechnet nach Düsseldorfer Tabelle und ein wenig mehr für Betreuung, Bildung und Taschengeld. Er fand einen neuen Job, sehr gut bezahlt und mit menschlichem Vorgesetzten und in Oberfranken. Aus uns wurde eine Wochenendbeziehung, solange bis wir ein Ort gefunden hätten, der ein Kompromiss zwischen dem Rheinland und Oberfranken war. Alles schien gut zu werden. Er wirkte gelöst, fast euphorisch, wenn auch immer noch häufig düster, schweigsam und sehr distanziert.

 

Das Wochenende vom 10. / 11. Juli war sehr heiß. Jede Tätigkeit war beschwerlich. Wir hielten uns nur in der Wohnung hinter geschlossen Vorhängen und heruntergelassener Markise auf. Ihm war schlecht und er musste sich ständig übergeben. Sonst lag er im Bett und schlief oder saß still auf der Couch. Am Sonntagmorgen packte er kurzentschlossen seine frischgewaschene Wäsche und begab sich auf den Weg nach Oberfranken. Zum Arzt wollte er nicht – nur weg. Ich habe ihn zum letzten Mal gesehen. Am Montag, den 12. Juli fanden ihn seine Vermieter in Oberfranken um 17 Uhr nachmittags in seinem Bett – erlöst eingeschlafen. Er hatte sich mit einer Überdosis Tabletten vergiftet.

 

„Und wenn ich denke, ich kann es nicht mehr aushalten, dann mache ich noch ein kleines Bisschen weiter“ sagt Karen als sie alles verloren hat und in der Traurigkeit Kraft findet. Ich hatte auch alles verloren: meine Zukunft, meinen Traum, meinen Freund und Geliebten, meine Freude, meine Sicherheit, meine Sprache, die Zeit und meine Kraft. Ich hatte nur meine Tochter und das schien zu wenig. „Wenn die Kälte zu groß wird, dann stoßen auch sie, die geduldigen Vögel einen Schrei aus, eh das Herz ihnen still steht.“ (Paula Ludwig)

 

Aufgefangen hat mich meine beste Freundin, die mir in langen, langen Gesprächen zugehört hat und Verständnis für all meine Gedanken hatte. Sie hat mit mir die Vergangenheit aufgearbeitet und mit mir Erklärungen für das Unfassbare gesucht. Geholfen hat mir auch die Selbsthilfegruppe „Tabu Suizid“ in Düsseldorf. Dort hatten andere ein ähnliches Schicksal und durch deren Erzählungen fand ich Worte für das, was mir geschehen war. Ganz allmählich löste sich der Schock und ich konnte ein kleines Bisschen weitermachen.

 

Mittlerweile habe ich zu alter Stärke zurückgefunden. Ich setze mich im Verband der Alleinerziehenden Mütter und Väter für die rechtliche Gleichbehandlung der Hinterbliebenen ein. Denn es ist in Deutschland so, dass nur geschiedene Ehefrauen ein Recht auf Erziehungsrente haben als Ersatz zum Ehegattenunterhalt. Ledige Mütter haben trotz des Urteils vom Bundesverfassungsgericht aus dem Jahre 2007, welches klärt, dass die Unterhaltsfrage zwischen ledigen und geschiedenen Müttern zum Kindeswohl nicht unterschiedlich zu behandeln ist, keinen Anspruch bei der Deutschen Rentenversicherung. Dazu ist bereits ein Normenkontrollverfahren 1 BVL 20 /09 beim Bundesverfassungsgericht durch eine hinterbliebene Mutter aus Bayern eingeleitet worden.

 

Die Waisenrente ist durch den Rentenfaktor 10% der Berufsunfähigkeitsrente des Verstorbenen nicht mehr als ein Almosen und in aller Regel – so auch bei uns – unter dem Sozialhilfesatz. Die Waisenrente ist in jedem Falle kein Unterhaltsersatz, sondern scheint vielmehr eine Ergänzung zum Ernährermodell Witwenrente zu sein. Denn sie unterstellt, dass eben nur 10% des Einkommens für das Kind bereitgestellt werden. Nur zum Vergleich: Die Düsseldorfer Tabelle geht von rund 18% aus. Auch dagegen versuche ich ein Umdenken bei der Gesetzgebung zu erreichen. Waisenkinder gibt es auch in Deutschland, nicht nur in Schwarz Afrika und auch sie kosten Geld. Verbündete sind mir stets willkommen. Was für die einen gut ist, sollte für die anderen nicht schlecht sein.

 

Im Herbst 2010 habe ich meinen Finch Hatton endlich beerdigen können in einem Ruheforst in Oberfranken, wo er so gerne war und in der Nähe seiner Söhne. Ich habe ihm seine Grabrede gehalten und mich versöhnlich von ihm verabschieden können. Auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass er von Anfang an nur zu mir kam, um bei mir zu sterben. Er hat sich den Frieden offenbar gewünscht, soll er in Frieden ruhen.

 

Damit ist ein weiteres Kapitel in meinem Leben geschlossen und ich bin wieder solo. Manchmal, abends, habe ich noch ein bisschen Angst vor der Kälte und dass mir das Herz stillsteht.

 

Aber dann mache ich noch ein kleines Bisschen weiter und küsse meine Tochter.

 

 

Susanna

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