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Und wenn ich denke, ich kann es nicht mehr aushalten,....... PDF

 

Thema: Selbsthilfe

 

Ich habe ihn 2008 im April auf einer Messe kennen gelernt. Er war mein Arbeitskollege und wir betreuten zusammen den Messestand. Er war ein sehr gut aussehender Mann, groß, schlank, gepflegt und dunkelhaarig. Mit seinem Schabernack hat er mich die ganze dröge Zeit am Messestand zum Lachen gebracht. Und geflirtet haben wir – es war die reinste Pracht. Abends hatten wir dann im Hotel ein Abendessen zu zweit. Eine Aktion des Hotels für Gäste, die mehr als eine Nacht blieben. Er erzählte von seiner Familie, seinen zwei Söhnen und seiner Frau und wie unglücklich er in dieser Ehe sei. Als gute Kollegin und Freundin habe ich versucht ihm klar zu machen, dass man Ehen eventuell auch wieder kitten kann und dass eine neue Beziehung eigentlich nur andere Fehler am neuen Partner zu Tage fördert, manchmal sogar die gleichen. Ich wusste wovon ich sprach. Selber dauerledig, auf die vierzig zugehend, einmal verlobt, 4 langjährige Partnerschaften, gerade mal wieder solo.

 

Als die Messe vorbei war und wir die Kisten mit Prospekten, PCs und anderem Messegeröll in unseren Autos verstaut hatten, fiel ihm der Abschied sichtlich schwer. Ich habe ihn zwar freundschaftlich, kollegial umarmt und ihm auf den Rücken geklopft, jedoch bin auch ich sehr berührt und nachdenklich in Richtung Heimat gefahren. Danach kam eine E-Mail, die aber unbeantwortet geblieben ist. Dann herrschte drei Monate lang Funkstille, bis aus heiterem Himmel ein Anruf von ihm kam. Mir ging es bitterschlecht zu diesem Zeitpunkt, da mich mein Solodasein deprimierte und ich unendlich traurig war, nicht den richtigen Mann zu finden, der eine Familie mit mir gründen wollte. Ich musste immer an den Film „Out of Africa“ denken in dem Karen zu Finch Hatton sagt, er könnte sie wenigstens fragen, ob sie geheiratet werden möchte. Sie würde ihm auch versprechen, nein zu sagen. Aber sie möchte einmal etwas Wert sein.

 

Er hatte ein schnelles Gespür für die Gefühle anderer Menschen und auch wenn seine Absicht, mich zu trösten nicht ganz selbstlos war, sie traf mein Bedürfnis mich in lange, kräftige Arme fallen zu lassen. So kam er aus Oberfranken zu mir ins Rheinland gefahren und wir hatten ein schönes Wochenende: mit Spazierengehen, sehr gutem Essen, langen Gesprächen über Beziehungen, das Leben und den Tod, die Arbeit, die Kollegen. Und wir haben viel zusammen gelacht.

 

Am Sonntagmittag habe ich ihn wieder nach Hause geschickt, denn eine Affäre wollte ich nicht und einen verheirateten Mann wollte ich auch nicht und eine reine Freundschaft war keine Option. Mir schien es auch so, dass er nach 15 Jahren Ehe mit vielen Kompromissen und Verletzungen, Sehnsucht hatte nach der Freiheit. Er wollte schweben gelöst von jeglicher Bindung. Da trafen sich unsere Lebenspläne nicht wirklich. Er kam noch zwei weitere Wochenenden und ich habe ihn noch zwei weitere Male wieder nach Hause geschickt.

 

Dann stand er mit einem Blumenstrauß vor meiner Tür und machte mir die schönste Liebeserklärung meines Lebens. Er wollte mit mir eine Familie gründen und alt werden. Er wechselte innerhalb der Firma die Position, er zog zu mir ins Rheinland und wir hatten eine herrliche, fast berauschte Zeit. Unser Glück fing sich jedoch bald an zu trüben. Der neue Job war eine Degradierung, die ihm Spott und Verachtung einbrachte. „Denn welcher Mann ist schon so blöd und zieht wegen ‚ner Frau um und verlässt auch noch seine Familie“. Unsere Beziehung war in der Firma unerwünscht. Das ließ man ihn spüren und drohte ihm bei jeder Gelegenheit mit Jobverlust.

 

Dann kamen die ersten Briefe der Anwältin seiner Frau, die ihn auch unter Druck setzten. Angesichts seines Gehaltes waren diese Briefe mit haltlosen Unterhaltsforderungen gespickt. Die Anwältin drohte ihm, wenn er sich nicht gütlich auf diese Summen einließe, dann würde das Gericht eine noch viel höhere Summe festsetzen.

 

Die Zeit ging ins Land, mein Finch Hatton wurde traurig und düster und ich wurde schwanger. Mein neuer Umstand besorgte mich. Wollte ich das wirklich? Die Verantwortung für ein kleines Wesen, eine unauflösliche Bindung zu zwei Menschen für den Rest meines Lebens? Würde dies zu mir passen? Als ich ihm mitteilte, dass ich schwanger war und bei ihm Freude und Zuversicht auf eine Zukunft zu dritt erhoffte, blickte ich nur in ein ausdrucksloses Gesicht. Etwas wurde nicht ausgesprochen in einer Beziehung, in der es keine Geheimnisse geben sollte.

 

Im Juni 2009 verabschiedete er sich morgens sehr früh mit den Worten, dass ich nicht auf ihn warten solle. Er hätte einen Kundentermin und es könnte spät werden. Also machte ich mir bis abends 20 Uhr auch keine Gedanken. Um 20 Uhr versuchte ich ihn dann allerdings doch zu erreichen, wann er kommen würde. Es antwortete nur die Mobilbox. Als er sich um 22 Uhr immer noch nicht gemeldet hatte, war eigentlich klar, dass etwas passiert sein musste. Kein Stau der Welt, kein Kundentermin dauert bis spät in den Abend. Die Autobahnpolizei wusste jedoch von keinem schweren Unfall mit Personenschaden. Ich rief um 2 Uhr nachts seine Chefin an, um zu erfahren, was für ein Kundetermin denn angestanden hatte und wo mein Geliebter war. Sie erzählte mir, dass mein Partner sich morgens krank gemeldet hatte und es gar keinen Termin gab.

 

Ich verbrachte die Nacht in unsäglicher Angst mit rastlosem Umherlaufen, Kettenrauchen und Weinen. Morgens um 9 Uhr kam der erlösende Anruf von seinem Anwalt: Er hatte sich suizidiert. Aber er hatte es überlebt und er war soweit gesund. Ich konnte ihn auf der geschützten Station des Psychiatrischen Krankenhauses besuchen.

 

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